1. Das mittelhochdeutsche /u/ bleibt im Neuhochdeutschen als Kürze oder Länge außer vor nn, mm erhalten. Vor Nasalen ist /u/ jedoch oft zu /o/ gesenkt: wunne, nunne, sunne [...]
Die mittelhochdeutschen langen Vokale /î/, /û/ und <iu> (= /langes ü/) wurden im Bairischen schon im 12. Jahrhundert zu <ei,au,eu>. Vom südlichen Bairischen breitet sich die Diphthongierung in nördlicher Richtung aus, doch halten sich bis zum 16. Jahrhundert undiphthongierte Formen im Westmitteldeutschen. Nicht eingetreten ist die Diphthonierung in der Schweiz, im Elsaß, im Ripuarischen, im Osthessischen in Westthüringen und im Niederdeutschen.
Merksatz: mittelhochdeutsch mîn niuwez hûs > neuhochdeutsch mein neues Haus
Die mittelhochdeutschen Diphthonge /ie, uo, üe/ werden, z.T. schon seit dem 11./12. Jahrhundert vom Mitteldeutschen ausgehend, verkürzt zu einfachen langen Vokalen /î, û, langes u/.
Merksatz: mittelhochdeutsch liebe guote brüeder > neuhochdeutsch liebe gute Brüder
Mettke § 32 Schwere Ableitungssilben
2. Doppelformen im Mittelhochdeutschen
-lîch / lich: Althochdeutsch lîh, mittelhochdeutsch lîch Leib, Körper dient zur Bildung von Adjektiven und Adverbien. Es weist auf die im Grundwort enthaltene Bedeutung hin so beschaffen sein, in der Art wie, z.B. veterlich, gevuoclich schicklich zu gevuoge Schicklichkeit; zur Adverbbildung dient lîche(n), -liche(n); die Dichter bevorzugen jeweils die eine oder die andere Form.
Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts wird statt althochdeutsch /sk, sc/ der Zischlaut /sch/ gesprochen. Vor /l,m,n,w/, nach /r/ und in den Verbindungen /st,sp/ wird /s/ außer im Inlaut ebenfalls zu /sch/, doch kommen sch-Schreibungen erst im 13. Jahrhundert langsam auf: slange > schlange, smal > schmal.
Mettke § 58 Das Vernersche Gesetz und der grammatische Wechsel
Unter 'grammatischem Wechsel' versteht man im Althochdeutschen
und Mittelhochdeutschen den Wechsel von f-b, h-g, d-t, s-r in
Wörtern oder Wortteilen desselben Stammes, z.B.
mhd.
heffen - huoben (= nhd. heben)
ziehen - zuogen
snîden - sniten
kiesen - erkorn
Dieser Wechsel wird durch das von dem Dänen Karl Verner
entdeckte Gesetz erklärt.
Mettke § 59 Rheinischer Fächer
Innerhalb des Fränkischen hat sich die 2. Lautverschiebung in nördlicher Richtung mit unterschiedlicher Intensität ausgebreitet; die einzelnen Linien von der apfel/appel- zur das/dat-, dorf/dorp-, machen/maken-, ich/ik-Linie ergeben im Rheingebiet das Bild eines Fächers, so daß hier vom "rheinischen Fächer" gesprochen wird. Die sprachliche Linie zum Niederdeutschen bildet die sog. Benrather Linie, es ist die machen/maken-Linie. Die einzelnen Linien haben sich z.T. erst nach jahrhundertelangen sprachlichen Bewegungen herausgebildet, noch im 13. Jahrhundert verlief die Sprachgrenze mit mitteldeutschen Gebiet viel südlicher als heute.
Mettke § 61 Medienverschiebung
/d/ > /t/
angelsächsisch | althochdeutsch | mittelhochdeutsch |
dag | tag | tac |
beodan | biotan | bieten |
middia | mitti | mitte |
Im Oberdeutschen und Ostfränkischen erscheint <t> in allen Stellungen; im Rheinfränkischen und Mittelfränkischen dagegen nur im Auslaut, das Südrheinfränkische hat im Anlaut <d>, sonst <t>; das Rheinfränkische in der Gemination <tt> und auch <dt>. Kennzeichen des Rheinfränkschen ist also <d> im Anlaut gegen ostfränkisch oberdeutsch /t/; Kennzeichen des Südrheinfränkischen ist anlautendes /d/.
Mettke § 64 Nasalschwund und Ersatzdehnung
Schon im Germanischen wie auch später ist in manchen Verbindungen, so besonders vor Reibelauten, der Nasal geschwunden. Die für den Nasal gebrauchte Energie bleibt jedoch erhalten, indem der vorangehende Vokal zunächst nasaliert und dann gedehnt wird, daher Ersatzdehnung. Beispiel: mittelhochdeutsch denken : dâhte, bringen : brâhte.
Assimilation ist die völlige oder teilweise (partielle) Angleichung eines Lautes an eine ihm benachbarten; sie tritt in allen Sprachstufen auf. Im Konsonantismus wird sie für das Mittelhochdeutsche wichtig.
2. /mb/ > /mm/: umbe > umme > um [...]
4. /nt, mt/ und auch /lt, rt/ > /nd, md, ld, rd/: Schon am Ende der althochdeutschen Zeit ist die Erweichung eingetreten, z.B. wolte > wolde [...]
Im Mittelhochdeutschen werden die phonetischen Unterschiede je nach Stellung der Konsonanten im Inlaut oder Auslaut genauer wiedergegeben als im Neuhochdeutschen. So werden die stimmhaften Laute a) im Auslaut und b) vor stimmlosen Lauten stimmlos gesprochen, also /b,d,g,v/ wie /p,t,c(=k),f/, und zwar im Mittelhochdeutschen wie im Neuhochdeutschen. Im Mittelhochdeutschen werden diese stimmlosen Laute auch geschrieben: z.B. mittelhochdeutsch tac tages = neuhochdeutsch Tag Tages.
Mettke § 95 Suppletiv-Steigerung
Einige Adjektive bilden in fast allen indogermanischen
Sprachen die Steigerungsstufen von anderen Stämmen, es sind die
besonders häufig verwedeten gut, schlecht, groß, klein:
mhd.
guot | bezzer(e) | bezzest, beste |
übel | wirser(e) | wirsest, wir(se)ste |
michel | mêre, mêrer(e), mêrre | meiste |
lützel | minner(e), minre | min(ne)ste, minnest |
Mettke § 106 Geschlechtige Pronomen
Personalpronomen der 3. Person: (mittelhochdeutsch)
Maskulinum: Sg. N. ër (mitteldeutsch hër, hê)
Mettke § 107 Possessivpronomen
Als Possessivpronomen werden die Genitive der ungeschlechtlichen Pronomen für die 1. und 2. Person und der Genitiv vom Reflexivum für die 3. Person beim Maskulinum und Neutrum, für das Femininum im Singular und für den ganzen Plural die Genitive des Personalpronomens verwendet, also:
Singular mîn, dîn, sîn (Mask. Neutr.), ir(e) Fem.; Plural unser, iuwer, ir(e).
Mettke § 113 Indefinitpronomen
2. Negative Bedeutung: niht nichts (< althochdeutsch ni eo wiht nicht ein Wesen), wiht Wesen, Geschöpf, Etwas > mittelhochdeutsch niwiht > niwecht > nieht > nîht > nîcht > nicht; im Mittelhochdeutschen gibt es zahlreiche Varianten, z.B. zweisilbige niuweht, niuwet, niwet, md. nûwet, nûwit usw., einsilbige niuht, nût, nît, nit.
Das Präsens kann in jedem Fall für Zukünftiges stehen, der futurische Charakter kann auch muß jedoch nicht durch ein auf die Zukunft weisendes Wort angegeben werden (etwa: morgen, vil balde, disen sumer usw.). Ferner dienen zur Umschreibung des Futurs suln, seltener wellen und müezen. Die Umschreibung mit wërden kommt erst langsam im Mittelhochdeutschen auf und dient hier vor allem auch zur Bezeichnung des Eintritts einer Handlung oder eines Zustandes.
Mettke § 136 Verben ohne Zwischenvokal
denken : dâhte : gedâht
Mettke § 137 bringen und beginnen
Beides sind starke Verben der 3. Ablautreihe mit Mischformen.
Mettke § 138 [Präterito-Präsentien] Herkunft
Neun ursprüngliche starke Verben gehören hierher: die Vollverben weiz, touc, gan und die Hilfsverben kan, darf, tar, sol, mac und muoz. Ihre Bedeutungen weichen im Neuhochdeutschen zum Teil erheblich gegenüber dem Mittelhochdeutschen ab. Diese Verben heißen Präterito-Präsentien, weil ihre präteritale Form präsentische Bedeutung angenommen hat. Das alte Präsens ist verloren gegangen. Ein neues Präteritum aber bilden sie ohne Bindevokal mit Hilfe der schwachen Endung t. Damit stehen sie zwischen den starken und schwachen Verben als Mischklasse.
Mettke § 140 Präterito-Präsentien
müezen = sollen, müssen, können, mögen, dürfen und zur Futurumschreibung.
mittelhochdeutscher Infinitiv: wellen
Althochdeutsch | Mittelhochdeutsch |
wili, wilu | wile, wil |
wili (wilis) | wile, wilt |
wili (wilit) | wile, wil |
wellên | wellen |
wellet | wellet |
wellent | wellent |
Mettke § 142 Verbum substantivum
Im Infinitiv ist im Neuhochdeutschen nur sein geblieben, nur mundartlich auch wësen.
Mittelhochdeutsch Infinitiv: tuon
Präsens Indikativ | Präteritum Indikativ |
tuon | tët(e) |
tuost | tæte |
tuot | tëte |
tuon | tâten |
tuot | tâtet |
tuont | tâten |
Partizip Prät: getân |
Im Mittelhochdeutschen wurde der Genitiv in Verbindung mit Substantiven, Adjektiven und Adverbien, Pronomen, Zahlwörtern, Interjektionen und vor allem auch Verben verwendet. Im Neuhochdeutschen kommt er dagegen bei Verben nur noch selten vor, an seine Stelle sind der Akkusativ, der manchmal auch schon im Mittelhochdeutschen neben dem Genitiv stand, oder eine präpositionale Verbindung getreten.
Älteste Negationspartikel im Deutschen ist althochdeutsch ni, mittelhochdeutsch ne (mit den Varianten en, in, n, ne), die unmittelbar vor dem Verb stand und mit ihm verbunden werden konnte. Pleonastisch kann seit dem Spätalthochdeutschen niht hinzutreten, seit dem 12. Jahrhundert geschieht es fast regelmäßig. Eine solche doppelte oder auch mehrfache Verneinung hat jedoch keine stilistische Bedeutung, und keineswegs ist es eine Verstärkung; z.T. wird jedes wichtige Satzglied verneint, ohne daß eine Verstärkung vorliegt: ich wil iu geheizen unde sagen daz iu nieman niht entuot, ... daß Euch niemand etwas tun wird.
Das Verhältnis von ne und niht verschiebt sich schon im 13. Jahrhundert, so daß als Negationspartikel ne häufiger wegfällt und schließlich nur niht bleibt.